Der Preis des Geldes by von Braun Christina

Der Preis des Geldes by von Braun Christina

Author:von Braun Christina [Christina, von Braun]
Language: deu
Format: epub
Publisher: Aufbau digital
Published: 2012-10-28T23:00:00+00:00


DIE AKTIE UND DER AKTEUR

Das virtuelle Geld schafft die Voraussetzungen dafür, dass Geld mit Geld gewonnen werden kann. Für Marx bedurfte es noch des Umwegs über das Industrieprodukt: Geld verwandelt sich in Ware, um wieder zu Geld zu werden. Der moderne Finanzkapitalismus erspart sich diesen Umweg. Die Entwicklung schuf ein neues ökonomisches Subjekt. Der amerikanische Finanzhistoriker und -journalist Edward Chancellor vermutet, dass, entgegen den Thesen von Max Weber, der moderne Kapitalismus nicht auf protestantischer Selbstdisziplin, sondern auf Gier beruht. Als Beleg führt er die Lust an, mit der Mitte des 19. Jahrhunderts Geld öffentlich zur Schau gestellt wurde: »Bei Gesellschaftsereignissen wurden Zigaretten in Hundert-Dollar-Noten gerollt; in die Austern der Gäste wurden schwarze Perlen gestopft, und Hunde wurden mit Diamanten-bestückten Halsbändern versehen.«151 Aber die Gier dürfte es zu allen Zeiten gegeben haben; deshalb eignet sie sich nicht als Erklärung. Dagegen ist zu erkennen, dass die Spekulation mit dem Abstraktionsprozess des Geldes zunahm. Er erklärt, warum das Geld immer mehr zum ›sozialen Akteur‹ werden konnte.152

Das digitale Geld hat keinen Eigentümer, so wie Land oder Fabrik einem Eigentümer gehören. Das moderne Geld wechselt auf eigenmächtige und zumeist nicht berechenbare Weise ›seinen‹ Eigentümer. Allein der Sprachgebrauch ist aufschlussreich: Das Geld ›entzieht sich‹, ›es flieht‹, oder es ›fließt ab‹. Immer ist es das Geld oder der Markt, die ›handeln‹ – weniger der Aktionär oder der Anleger. An sich indiziert der Begriff ›Handel‹ ein eigenständiges ›Handeln‹, also die Tat, so wie sich auch die Aktie von agieren ableitet. Aber es ist eben die Frage, wer hier handelt. Bei Devisenspekulationen bewegen sich die Geldströme von einem Land zum anderen, der ›Spekulant‹ kann sich ihnen bestenfalls anpassen und mit dem Strom schwimmen. Der große Unterschied zwischen ihm und dem Landbesitzer oder dem Unternehmer besteht darin, dass sich das Geld seine eigenen Aktionsbedingungen geschaffen hat.

Damit trifft aber auch das Bild des ›freien Unternehmertums‹ nicht mehr zu. Im Finanzkapitalismus ist es das Geld, das ›arbeitet‹. Wo Geld vorhanden ist, kann sich dieses vermehren; oder auch – Pech gehabt – verlorengehen. Wenn die Finanzkrise von 2008 eines gezeigt hat, so dies: Der Manager beherrscht nicht das Geld, sondern dieses ihn. Die gesamte Verteidigungsstrategie von Jérome Kerviel, der seine Vorgesetzten aus der Société Générale beschuldigte, von seinen Spekulationen gewusst zu haben, basierte darauf, dass nicht er, sondern das ›System‹ an seinem Verhalten schuld sei.153 Es ist fraglich, ob ihn diese Aussage – juristisch oder ökonomisch – aus der Verantwortung nimmt. Sie zeigt jedoch, wie wenig sich ein Trader als Herr über das Geld empfindet und wie sehr er – in der eigenen Wahrnehmung – nur ›ein Rädchen‹ in der großen Maschinerie des digitalen Geldes ist. Dieser ›freie Unternehmer‹ ist es nur unter der Bedingung, dass er sich der Eigengesetzlichkeit des Geldes unterwirft.

Bis ins frühe 20. Jahrhundert sahen Theoretiker den Menschen – genauer den Mann – als das Subjekt von Geschichte an. Einer der letzten großen Protagonisten dieses Gedankens war Oswald Spengler, dessen Geschlechterbilder an Deutlichkeit nichts vermissen lassen: »Der Mann macht Geschichte, das Weib ist Geschichte.«154 Für Spengler wurden diese Zuordnungen besonders deutlich in der Geldwirtschaft.



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